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Zülpicher Platz: das Herz des Veedels

Kwartier Lateng

Quirliges Studentenviertel rund um die Zülpicher Straße

Sachlich wirkt das Uni-Hauptgebäude aus dem Jahr 1929. Funktional das Philosophikum und die Unibibliothek der 1960er und 70er Jahre. Und höchst unerotisch, was das Männermagazin Playboy unlängst den 63.000 Studenten unserer Domstadt andichtete: nur dreizehn Prozent seien an der größten Uni Deutschlands mit ihrem Sexleben zufrieden, lediglich 3,4 Prozent hätten wenigstens einmal am Tag Geschlechtsverkehr und kaum jemand habe mehr als einen Liebhaber in zwölf Monaten. Mal unter uns: Klingt das realistisch? Ist das eine lupendichte, seriöse, journalistische Recherche?

Paris in Köln: Kwartier Lateng
Foto: Koeln-Magazin.info

Und ist das, fragten sich vor allem die Studenten selber, überhaupt eine Fußnote wert? Wo bitte hat der Playboy eigentlich recherchiert? Vielleicht in
der Philosophischen Fakultät? Oder eher in den Seminaren der Ökonomen und Juristen? Hat er kölsche Studenten befragt? Oder die aus Bayern, Hessen, aus dem Iran, Marokko und Italien? Und waren die rasenden Reporter der Hochglanz-Illustrierten überhaupt mal im Kwartier Latäng, des Studenten kultigstem Vergnügungsviertel?

Wie auch immer, unsinnlich sind die kölschen Jungakademiker sicher nicht, und ihr Lieblingsviertel schon gar nicht. Schließlich benennt es sich werbewirksam nach einem Viertel aus der „Stadt der Liebe“: dem Pariser Quartier Latin.

Rund um den Zülpicher Platz und den Rathenauplatz reihen sich die Weinlokale, Kneipen und Imbissbuden aneinander, ist vor allem an Wochenenden mehr los als in den meisten anderen Vierteln der Stadt. Ob in der Kyffhäuser- oder Hochstadenstraße, in der Luxemburger Straße oder am Rathenauplatz, es gibt eine Menge „Après-Seminare“ für jeden Geschmack. In der „Filmdose“ (Zülpicher Straße 39) trifft man sich unter Filmplakaten zur Kölschen Pizza aus Reibekuchenteig. Im „Jonny Turista" (Zülpicher Platz 8) zum fruchtigen Cocktail. Im „Das Ding“ (Hohenstaufenring 30) zum Sound der 80er. Und im „Atelier-Theater“ (Roonstr. 78) zum Kabarett bei Rosa K. Wirtz.

Beliebtes Theater-Café: die Filmdose
Foto: Koeln-Magazin.info

Über 100 Studiengänge – noch viel mehr Kneipen

Wichtig ist das, denn an einer so großen Universität geht es zunächst anonymer zu als etwa in den Hochschulen von Tübingen oder Heidelberg. In Köln ist aller Anfang für einen Akademiker schwer. Als Tagesthemenmoderatorin Anne Will hier ihr erstes Semester Germanistik und Geschichte studierte, soll sie gleich gefragt worden sein: „Was wollen Sie eigentlich hier? Sie werden doch sowieso arbeitslos!“

Die Hochschule erdrückt zudem mit Zahlen. Fast 3000 Forschungsprojekte gibt es, über 100 Studiengänge, dazu kommt jede Menge Wohnungsknappheit in der Umgebung. Vor allem Erstsemester, die nicht im Wohnheim unterkommen, müssen lernen, dass in den 400.000 Mietwohnungen der Stadt gar nicht schnell ein Zimmer zu haben ist. Und wenn, dann ein teures. Köln, die offene Stadt mit jede Menge Mutterwitz, ist zunächst einmal eher anstrengend als lustig.

Kneipe an Kneipe in der Zülpicher Straße
Foto: Koeln-Magazin.info

Da ist das Kwartier Latäng genau das Richtige: eine kuschelige Variante und kleine, knallige Szenelokale, in denen man sich leicht kennen lernt. Vor allem der geräumige Rathenauplatz bietet viel Raum für Biergarten, Terrassen und Boule spielen unter den Platanen. Und er ist nicht nur bei den Studenten beliebt, sondern auch bei noch langjährigeren Bewohnern des Viertels. 1891 war der Platz bereits geplant worden, und zwar als Aufstellplatz für den Rosenmontagszug. Als Außenminister Walter Rathenau 1922 durch rechte Attentäter ums Leben kam, benannte der Kölner Stadtrat den großen Platz nach ihm.

Auch auf dem Rathenauplatz gibt es schöne Biergärten und Lokale
Foto: Koeln-Magazin.info

Gegenüber dem Rathenauplatz liegt das jüdische Zentrum Kölns: die Synagoge. Sie war vor der Nazizeit eine von sieben Synagogen der Stadt. Nach den Zerstörungen des rechten Mobs in der Reichskristallnacht konnte sie als einzige im Jahr 1958 wieder aufgebaut werden. Heute bereichert sie das kulturelle Leben des Veedels mindestens genauso wie die Bars der Umgebung. Zur Synagoge gehören ein Museum zur jüdischen Kultur, eine Bibliothek, ein Theater und ein koscheres Restaurant.

Die Synagoge ist ein wichtiger Bestandteil des Viertels
Foto: Koeln-Magazin.info

Und was Geschichts- und Geographiestudenten der Uni bestimmt längst wissen: Köln ist nun wirklich nicht die nördlichste Stadt Italiens, wie Lokalpatrioten amüsiert behaupten. Aber Köln hat die älteste jüdische Gemeinde nördlich der Alpen.

Tobias Büscher

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